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Der Beweis für \(n = 4\)

Zusammenfassung

Fermats einziger überlieferter Fallbeweis von FLT. Die Methode des unendlichen Abstiegs zeigt: \(x^4 + y^4 = z^2\) hat keine Lösung in positiven ganzen Zahlen.

Voraussetzungen

Thema Beschreibung
Teilbarkeit und ggT Teilerfremdheit, \(\gcd\), Euklidischer Algorithmus
Beweisarten Widerspruchsbeweis und vollständige Induktion
Gleichungen Äquivalente Umformungen
Pythagoras und pythagoräische Tripel \(a^2 + b^2 = c^2\) und ganzzahlige Lösungen
Modulare Arithmetik Kongruenzen und Paritätsargumente

1. Die Methode des unendlichen Abstiegs

Der unendliche Abstieg (descente infinie) ist eine Beweistechnik, die Fermat selbst entwickelte. Die Grundidee:

Angenommen, eine Gleichung hätte eine Lösung in positiven ganzen Zahlen. Dann lässt sich aus dieser Lösung eine kleinere Lösung konstruieren – eine Lösung, bei der die beteiligten Zahlen echt kleiner sind. Aus der kleineren Lösung ergibt sich eine noch kleinere, und so weiter – ad infinitum.

Positive ganze Zahlen können jedoch nicht unendlich klein werden. Es gibt kein unendliches Absteigen in \(\mathbb{Z}^+\). Die Annahme ist also falsch, und die Gleichung hat keine Lösung.

Formal nutzt der Abstieg das Wohlordnungsprinzip: Jede nichtleere Teilmenge von \(\mathbb{N}\) hat ein kleinstes Element. Eine unendlich absteigende Folge positiver ganzer Zahlen kann es daher nicht geben.

„I have discovered a truly marvellous demonstration [...] which this margin is too narrow to contain." — Pierre de Fermat, Randnotiz zur Arithmetica (ca. 1637)

Abstieg vs. Widerspruch

Der unendliche Abstieg ist ein spezieller Widerspruchsbeweis: Die Annahme einer Lösung führt zu einer unmöglichen Konsequenz (einer unendlich absteigenden Folge). In moderner Formulierung äquivalent: Eine minimale Lösung wird betrachtet, und es wird gezeigt, dass eine noch kleinere existieren müsste – Widerspruch.

2. Pythagoreische Tripel

Für den Beweis des Falls \(n = 4\) ist ein klassisches Ergebnis erforderlich: die vollständige Beschreibung aller Lösungen von \(x^2 + y^2 = z^2\) (siehe Pythagoras und pythagoräische Tripel).

Satz (Parametrisierung der pythagoreischen Tripel). Alle primitiven pythagoreischen Tripel \((x, y, z)\) mit \(\gcd(x, y) = 1\) (teilerfremd) und \(x\) gerade haben die Form:

\[ x = 2st, \quad y = s^2 - t^2, \quad z = s^2 + t^2 \]

wobei \(s > t > 0\), \(\gcd(s, t) = 1\) und \(s \not\equiv t \pmod{2}\) (also \(s\) und \(t\) verschiedener Parität).

Beweisskizze. Es gilt \(x^2 = z^2 - y^2 = (z-y)(z+y)\). Da \((x, y, z)\) primitiv ist, sind \(z - y\) und \(z + y\) teilerfremd (bis auf den Faktor 2). Da \(x\) gerade ist, sind \(z\) und \(y\) beide ungerade, also \(z - y\) und \(z + y\) beide gerade. Mit \(z - y = 2u\) und \(z + y = 2v\) folgt \(x^2 = 4uv\) mit \(\gcd(u, v) = 1\). Da das Produkt \(uv\) ein Quadrat und die Faktoren teilerfremd sind, müssen \(u\) und \(v\) selbst Quadrate sein: \(u = t^2\), \(v = s^2\). Einsetzen liefert die Parametrisierung. \(\square\)

Beispiele:

\(s\) \(t\) \(x = 2st\) \(y = s^2 - t^2\) \(z = s^2 + t^2\)
2 1 4 3 5
3 2 12 5 13
4 1 8 15 17
4 3 24 7 25

3. Von FLT zu einer stärkeren Aussage

Fermats Beweis für \(n = 4\) zeigt nicht direkt, dass \(x^4 + y^4 = z^4\) keine Lösung hat, sondern die stärkere Aussage:

Satz (Fermat)

Die Gleichung \(x^4 + y^4 = z^2\) hat keine Lösung in positiven ganzen Zahlen.

Die Implikation: Da \(z^4 = (z^2)^2\) ein spezielles Quadrat ist, folgt aus der Nichtexistenz von Lösungen für \(z^2\) auf der rechten Seite erst recht die Nichtexistenz für \(z^4\).

\[ x^4 + y^4 = z^4 \implies x^4 + y^4 = (z^2)^2 \]

Also: \(x^4 + y^4 = z^2\) hat keine Lösung \(\implies\) \(x^4 + y^4 = z^4\) hat keine Lösung.

4. Der Beweis im Detail

Zu zeigen: \(x^4 + y^4 = z^2\) hat keine Lösung in \(x, y, z \in \mathbb{Z}^+\).

Annahme zum Widerspruch. Sei \((x, y, z)\) eine Lösung mit minimalem \(z\). Ohne Einschränkung gelte \(\gcd(x, y) = 1\) (andernfalls ergibt Herauskürzen des gemeinsamen Faktors eine kleinere Lösung).

Schritt 1: Pythagoreische Tripel anwenden.

Die Gleichung \(x^4 + y^4 = z^2\) lässt sich als \((x^2)^2 + (y^2)^2 = z^2\) lesen – ein pythagoreisches Tripel. Da \(\gcd(x, y) = 1\) ist das Tripel primitiv. Ohne Einschränkung sei \(x\) gerade (sonst Vertauschung von \(x\) und \(y\)). Dann existieren \(s, t\) mit \(s > t > 0\), \(\gcd(s, t) = 1\), \(s \not\equiv t \pmod{2}\), sodass:

\[ x^2 = 2st, \quad y^2 = s^2 - t^2, \quad z = s^2 + t^2 \]

Schritt 2: Zweites pythagoreisches Tripel.

Aus \(y^2 = s^2 - t^2\) folgt \(y^2 + t^2 = s^2\) – erneut ein pythagoreisches Tripel. Da \(\gcd(s, t) = 1\) und \(s \not\equiv t \pmod{2}\) ist auch dieses Tripel primitiv. Da \(y\) ungerade ist (\(x\) gerade und \(\gcd(x, y) = 1\)), ist \(t\) gerade. Die Parametrisierung liefert \(u, v\) mit \(u > v > 0\), \(\gcd(u, v) = 1\), \(u \not\equiv v \pmod{2}\):

\[ t = 2uv, \quad y = u^2 - v^2, \quad s = u^2 + v^2 \]

Schritt 3: Analyse von \(x^2\) als Produkt.

Einsetzen von \(s = u^2 + v^2\) und \(t = 2uv\) in \(x^2 = 2st\):

\[ x^2 = 2 \cdot (u^2 + v^2) \cdot 2uv = 4uv(u^2 + v^2) \]

Also \((x/2)^2 = uv(u^2 + v^2)\). Da \(\gcd(u, v) = 1\), sind die drei Faktoren \(u\), \(v\) und \(u^2 + v^2\) paarweise teilerfremd. Ihr Produkt ist ein Quadrat, also muss jeder einzelne Faktor ein Quadrat sein:

\[ u = a^2, \quad v = b^2, \quad u^2 + v^2 = c^2 \]

für gewisse positive ganze Zahlen \(a, b, c\).

Schritt 4: Der Abstieg.

Aus \(u^2 + v^2 = c^2\) und \(u = a^2\), \(v = b^2\) folgt:

\[ a^4 + b^4 = c^2 \]

Dieselbe Gleichung wie die Ausgangsgleichung. Und es gilt:

\[ c^2 = u^2 + v^2 = s \leq s^2 < s^2 + t^2 = z \]

Also \(c < z\) – eine kleinere Lösung.

Widerspruch. \((x, y, z)\) war als Lösung mit minimalem \(z\) gewählt, aber \((a, b, c)\) ist eine Lösung mit \(c < z\). \(\blacksquare\)

5. Struktur des Abstiegs

Die Beweisstruktur im Überblick:

Lösung (x, y, z) mit z minimal
    → Parametrisierung als pyth. Tripel → (s, t)
    → Zweites pyth. Tripel → (u, v)
    → Drei teilerfremde Quadrate → (a², b², c²)
    → Neue Lösung (a, b, c) mit c < z
    → WIDERSPRUCH

Der Schlüssel: Jeder Schritt verkleinert die Zahlen. Von \(z\) über \(s\) (kleiner als \(z\)) über \(u\) und \(v\) (kleiner als \(s\)) bis zu \(c\) (kleiner als \(z\)). Die Wohlordnung von \(\mathbb{N}\) garantiert, dass dieser Prozess nicht unendlich weitergehen kann.

„The method of infinite descent is Fermat's most important legacy to number theory." — Harold M. Edwards, Fermat's Last Theorem (1977), S. 9

Die stärkere Aussage als Notwendigkeit

Fermats Wahl von \(z^2\) statt \(z^4\) ist kein Zufall. Im Abstieg entsteht die Gleichung \(a^4 + b^4 = c^2\) – nur wenn die rechte Seite ein allgemeines Quadrat sein darf (nicht nur eine vierte Potenz), schließt sich der Induktionskreis. Bei \(x^4 + y^4 = z^4\) allein wäre die im Abstieg entstehende Gleichung nicht von derselben Form – der Beweis bräche zusammen.

6. Historische Einordnung

Dieser Beweis ist der einzige Fall von FLT, für den Fermat einen nachvollziehbaren Beweis hinterließ. Er erscheint in den Observationes (Anhang zur Arithmetica-Ausgabe von 1670) und beweist dort die Aussage, dass die Fläche eines rechtwinkligen Dreiecks mit ganzzahligen Seiten kein Quadrat sein kann – äquivalent zu \(x^4 + y^4 = z^2\).

Reichweite und Grenzen:

  • ✅ FLT gilt für \(n = 4\) (und damit für alle durch \(4\) teilbaren \(n\): \(8, 12, 16, \ldots\))
  • ❌ Die Methode lässt sich nicht direkt auf \(n = 3\) übertragen – die einfache Parametrisierung „kubischer Tripel" fehlt
  • ❌ Für allgemeine Primzahlen \(p\) versagt der elementare Abstieg

Der Fall \(n = 3\) erfordert einen konzeptuellen Sprung: die Erweiterung des Zahlbereichs von \(\mathbb{Z}\) auf \(\mathbb{Z}[\omega]\). Damit beginnt der Weg zur algebraischen Zahlentheorie (siehe Artikel 04).


Quellen

  • Pierre de Fermat: Observationes ad Diophantum (1670) – der Originalbeweis
  • Harold M. Edwards: Fermat's Last Theorem: A Genetic Introduction to Algebraic Number Theory, Springer (1977)
  • Nigel Boston: The Proof of Fermat's Last Theorem (2003), Kapitel 1