Grenzwerte und Konvergenz¶
Folgen¶
Eine Folge reeller Zahlen ist eine Abbildung \(\mathbb{N} \to \mathbb{R}\), geschrieben als \((a_n)_{n \geq 1}\) oder kurz \((a_n)\). Die Zahl \(a_n\) heißt das \(n\)-te Glied der Folge.
Beispiel. Die Folge \(a_n = \frac{1}{n}\) ergibt \(1, \frac{1}{2}, \frac{1}{3}, \frac{1}{4}, \ldots\)
Konvergenz¶
Eine Folge \((a_n)\) konvergiert gegen den Grenzwert \(L \in \mathbb{R}\), wenn für jedes \(\varepsilon > 0\) ein \(N \in \mathbb{N}\) existiert, sodass:
Notation: \(\lim_{n \to \infty} a_n = L\) oder \(a_n \to L\).
Die Folgenglieder nähern sich \(L\) beliebig genau an – ab einem bestimmten Index liegen alle Glieder im Intervall \((L - \varepsilon, L + \varepsilon)\).
Beispiel. \(\lim_{n \to \infty} \frac{1}{n} = 0\), denn für jedes \(\varepsilon > 0\) gilt \(\frac{1}{n} < \varepsilon\) sobald \(n > \frac{1}{\varepsilon}\).
Eine Folge, die nicht konvergiert, heißt divergent.
Rechenregeln¶
Für konvergente Folgen mit \(a_n \to A\) und \(b_n \to B\) gilt:
- \(a_n + b_n \to A + B\)
- \(a_n \cdot b_n \to A \cdot B\)
- \(\frac{a_n}{b_n} \to \frac{A}{B}\) (falls \(B \neq 0\))
Reihen¶
Eine (unendliche) Reihe ist die Folge der Partialsummen einer Folge \((a_k)\):
Die Reihe \(\sum_{k=1}^{\infty} a_k\) konvergiert, wenn die Folge \((S_n)\) konvergiert:
Geometrische Reihe¶
Die wichtigste Reihe der elementaren Analysis: Für \(|q| < 1\) gilt:
Beispiel. \(\sum_{k=0}^{\infty} \left(\frac{1}{2}\right)^k = \frac{1}{1 - 1/2} = 2\).
Für \(|q| \geq 1\) divergiert die geometrische Reihe.
Notwendige Bedingung¶
Konvergiert \(\sum a_k\), dann gilt \(a_k \to 0\). Die Umkehrung ist falsch: Die harmonische Reihe \(\sum_{k=1}^{\infty} \frac{1}{k}\) divergiert, obwohl \(\frac{1}{k} \to 0\).
Cauchy-Folgen¶
Eine Folge \((a_n)\) heißt Cauchy-Folge, wenn die Folgenglieder untereinander beliebig nahe kommen: Für jedes \(\varepsilon > 0\) existiert ein \(N\) mit:
„The concept of Cauchy sequence captures convergence without reference to the limit itself." — Walter Rudin, Principles of Mathematical Analysis, McGraw-Hill, 1976.
In \(\mathbb{R}\) gilt: Eine Folge konvergiert genau dann, wenn sie eine Cauchy-Folge ist. Diese Eigenschaft heißt Vollständigkeit von \(\mathbb{R}\).
Vervollständigung¶
Nicht jeder metrische Raum ist vollständig. Die Vervollständigung eines Raums konstruiert einen größeren Raum, in dem alle Cauchy-Folgen konvergieren.
Das zentrale Beispiel in der Zahlentheorie: Die rationalen Zahlen \(\mathbb{Q}\) sind nicht vollständig. Ihre Vervollständigung bezüglich des gewöhnlichen Betrags ergibt \(\mathbb{R}\). Die Vervollständigung bezüglich des \(p\)-adischen Betrags ergibt die \(p\)-adischen Zahlen \(\mathbb{Q}_p\) – einen völlig anderen Zahlkörper, der in der modernen Zahlentheorie eine zentrale Rolle spielt.
Zusammenfassung¶
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Konvergenz | \(\lim_{n\to\infty} a_n = L\): $\forall\varepsilon>0\ \exists N: n\geq N \Rightarrow |
| Reihe | \(\sum_{k=1}^{\infty} a_k = \lim_{n\to\infty} \sum_{k=1}^{n} a_k\) |
| Geometrische Reihe | \(\sum_{k=0}^{\infty} q^k = \frac{1}{1-q}\) für $ |
| Cauchy-Folge | $\forall\varepsilon>0\ \exists N: m,n\geq N \Rightarrow |
| Vollständigkeit | Jede Cauchy-Folge konvergiert |
| Vervollständigung | Konstruktion eines vollständigen Raums aus einem unvollständigen |
Quellen¶
- Rudin, Walter: Principles of Mathematical Analysis. McGraw-Hill, 3. Auflage, 1976. Kapitel 3.
- Forster, Otto: Analysis 1. Springer Spektrum, 12. Auflage, 2016. Kapitel 2–4.