Komplexe Zahlen¶
Die imaginäre Einheit¶
Die Gleichung \(x^2 = -1\) besitzt keine Lösung in den reellen Zahlen. Die imaginäre Einheit \(i\) wird als Lösung dieser Gleichung definiert:
Mit \(i\) lassen sich alle quadratischen Gleichungen lösen, auch solche mit negativer Diskriminante.
Darstellung und Grundbegriffe¶
Eine komplexe Zahl hat die Form \(z = a + bi\) mit \(a, b \in \mathbb{R}\). Dabei heißt \(a = \operatorname{Re}(z)\) der Realteil und \(b = \operatorname{Im}(z)\) der Imaginärteil.
Die Menge aller komplexen Zahlen wird mit \(\mathbb{C}\) bezeichnet:
Jede reelle Zahl ist eine komplexe Zahl mit \(b = 0\), daher gilt \(\mathbb{R} \subset \mathbb{C}\).
Konjugation und Betrag¶
Die konjugiert komplexe Zahl zu \(z = a + bi\) ist:
Der Betrag (Absolutbetrag) von \(z\) ist:
Beispiel. Für \(z = 3 + 4i\) gilt \(\bar{z} = 3 - 4i\) und \(|z| = \sqrt{9 + 16} = 5\).
Rechenoperationen¶
Für \(z_1 = a + bi\) und \(z_2 = c + di\) gelten:
Addition: $$ z_1 + z_2 = (a + c) + (b + d)i $$
Multiplikation (unter Verwendung von \(i^2 = -1\)): $$ z_1 \cdot z_2 = (ac - bd) + (ad + bc)i $$
Division (Erweitern mit dem Konjugierten des Nenners): $$ \frac{z_1}{z_2} = \frac{z_1 \cdot \bar{z_2}}{|z_2|^2} = \frac{(ac + bd) + (bc - ad)i}{c^2 + d^2} $$
Beispiel. \((2 + 3i)(1 - i) = 2 - 2i + 3i - 3i^2 = 2 + i + 3 = 5 + i\).
Polardarstellung¶
Jede komplexe Zahl \(z \neq 0\) lässt sich in Polarform schreiben:
Dabei ist \(r = |z|\) der Betrag und \(\varphi = \arg(z)\) das Argument (Winkel zur positiven reellen Achse). Die zweite Gleichung verwendet die Eulersche Formel:
„The formula \(e^{i\pi} + 1 = 0\) connects the five most important constants in mathematics." — Eli Maor, e: The Story of a Number, Princeton University Press, 1994.
Die Polarform vereinfacht Multiplikation und Potenzierung: Beträge werden multipliziert, Argumente addiert.
Einheitswurzeln¶
Die \(n\)-ten Einheitswurzeln sind die \(n\) Lösungen der Gleichung \(z^n = 1\):
Die Zahl \(\zeta = e^{2\pi i/n}\) heißt primitive \(n\)-te Einheitswurzel. Alle \(n\)-ten Einheitswurzeln sind Potenzen von \(\zeta\): \(\{\zeta^0, \zeta^1, \ldots, \zeta^{n-1}\}\).
Beispiel. Die dritten Einheitswurzeln (\(n = 3\)) sind:
In der Zahlentheorie spielen Einheitswurzeln eine zentrale Rolle, etwa als Basis der Kreisteilungsringe \(\mathbb{Z}[\zeta_p]\), die in Kummers Ansatz zum Beweis von Fermats Letztem Satz auftreten.
Die obere Halbebene¶
Die obere Halbebene ist die Menge aller komplexen Zahlen mit positivem Imaginärteil:
Die obere Halbebene ist der natürliche Definitionsbereich von Modulformen – komplexwertigen Funktionen mit speziellen Symmetrieeigenschaften.
Zusammenfassung¶
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Imaginäre Einheit | \(i^2 = -1\) |
| Komplexe Zahl | \(z = a + bi\) mit \(a, b \in \mathbb{R}\) |
| Konjugierte | \(\overline{a + bi} = a - bi\) |
| Betrag | $ |
| Eulersche Formel | \(e^{i\varphi} = \cos\varphi + i\sin\varphi\) |
| \(n\)-te Einheitswurzel | \(\zeta = e^{2\pi i/n}\) |
| Obere Halbebene | \(\mathbb{H} = \{z \in \mathbb{C} : \operatorname{Im}(z) > 0\}\) |
Quellen¶
- Needham, Tristan: Visual Complex Analysis. Oxford University Press, 1997. Kapitel 1–4.
- Ahlfors, Lars V.: Complex Analysis. McGraw-Hill, 3. Auflage, 1979. Kapitel 1.
- Maor, Eli: e: The Story of a Number. Princeton University Press, 1994.