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Elliptische Kurven

Zusammenfassung

Algebraische Kurven mit natürlicher Gruppenstruktur. Frey-Kurve, Taniyama-Shimura-Vermutung und Galois-Darstellungen – alle zentralen Objekte in Wiles' Beweis basieren auf elliptischen Kurven.

Voraussetzungen

Thema Beschreibung
Koordinatengeometrie Punkte, Geraden, Kurven als Gleichungen
Bruchrechnung Rechnen mit Brüchen \(a/b\)
Modulare Arithmetik Kongruenzen \(a \equiv b \pmod{n}\) und Restklassen
Abbildungen (Funktionen) \(f: A \to B\), injektiv, surjektiv, bijektiv
Summen- und Produktnotation \(\sum\)- und \(\prod\)-Notation

1. Definition

Eine elliptische Kurve über einem Körper \(K\) ist eine glatte, projektive Kurve vom Geschlecht \(1\) mit einem ausgezeichneten Punkt. In der Praxis die Weierstraß-Form:

\[ E: \quad y^2 = x^3 + ax + b \qquad (a, b \in K) \]

Die Glattheitsbedingung (keine Spitzen oder Selbstüberschneidungen) erfordert eine nichtverschwindende Diskriminante:

\[ \Delta = -16(4a^3 + 27b^2) \neq 0 \]

Geometrisch über \(\mathbb{R}\): eine glatte Kurve in der Ebene, bestehend aus einer oder zwei Komponenten.

Warum „elliptisch"?

Der Name hat nichts mit Ellipsen zu tun. Er stammt von den elliptischen Integralen – Integralen der Form \(\int \frac{dx}{\sqrt{x^3 + ax + b}}\), die bei der Berechnung des Umfangs einer Ellipse auftreten.

Beispiele

Kurve \(a\) \(b\) \(\Delta\)
\(y^2 = x^3 - x\) \(-1\) \(0\) \(64\)
\(y^2 = x^3 + 1\) \(0\) \(1\) \(-432\)
\(y^2 = x^3 - x + 1\) \(-1\) \(1\) \(-368\)

Der Punkt im Unendlichen

Technisch lebt eine elliptische Kurve im projektiven Raum \(\mathbb{P}^2\). Neben den affinen Punkten \((x, y)\) mit \(y^2 = x^3 + ax + b\) gibt es einen zusätzlichen Punkt im Unendlichen \(\mathcal{O}\), der als neutrales Element der Gruppenstruktur dient.

2. Die Gruppenoperation

Die Punkte einer elliptischen Kurve bilden eine abelsche Gruppe. Die Verknüpfung ist geometrisch über die Sekanten-Tangenten-Methode definiert:

Addition zweier Punkte \(P + Q\): 1. Gerade durch \(P\) und \(Q\) legen 2. Diese Gerade schneidet die Kurve in genau einem dritten Punkt \(R'\) 3. \(R'\) an der \(x\)-Achse spiegeln: Das Ergebnis ist \(P + Q\)

Verdopplung \(2P = P + P\): 1. Tangente an die Kurve in \(P\) legen 2. Diese Tangente schneidet die Kurve in einem zweiten Punkt \(R'\) 3. Spiegeln: Das Ergebnis ist \(2P\)

Neutrales Element: Der Punkt \(\mathcal{O}\) im Unendlichen. Es gilt \(P + \mathcal{O} = P\) für alle \(P\).

Inverses: Das Inverse von \(P = (x, y)\) ist \(-P = (x, -y)\) (Spiegelung an der \(x\)-Achse).

„It is a wonderful fact that this geometric construction gives a group law on the points of an elliptic curve." — Joseph Silverman, The Arithmetic of Elliptic Curves (1986), S. 51

Algebraische Formeln

Für \(P = (x_1, y_1)\) und \(Q = (x_2, y_2)\) mit \(P \neq \pm Q\):

\[ \lambda = \frac{y_2 - y_1}{x_2 - x_1}, \quad x_3 = \lambda^2 - x_1 - x_2, \quad y_3 = \lambda(x_1 - x_3) - y_1 \]

Für \(P = Q\) (Verdopplung):

\[ \lambda = \frac{3x_1^2 + a}{2y_1} \]

Diese Formeln gelten über jedem Körper – auch über \(\mathbb{F}_p\) oder \(\mathbb{Q}_p\).

3. Rationale Punkte und der Satz von Mordell

Die Menge der rationalen Punkte \(E(\mathbb{Q}) = \{(x, y) \in \mathbb{Q}^2 \mid y^2 = x^3 + ax + b\} \cup \{\mathcal{O}\}\) ist eine Untergruppe von \(E\).

Satz (Mordell, 1922). \(E(\mathbb{Q})\) ist eine endlich erzeugte abelsche Gruppe.

Nach dem Struktursatz für endlich erzeugte abelsche Gruppen:

\[ E(\mathbb{Q}) \cong \mathbb{Z}^r \oplus E(\mathbb{Q})_{\text{tors}} \]

wobei: - \(r = \text{rang}(E)\) der Rang der Kurve ist (Anzahl unabhängiger Punkte unendlicher Ordnung) - \(E(\mathbb{Q})_{\text{tors}}\) die endliche Torsionsuntergruppe ist (Punkte endlicher Ordnung)

Satz (Mazur, 1977). Die Torsionsuntergruppe \(E(\mathbb{Q})_{\text{tors}}\) ist isomorph zu einer der folgenden Gruppen:

\[ \mathbb{Z}/n\mathbb{Z} \text{ für } n \in \{1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 12\} $$ $$ \text{oder } \mathbb{Z}/2\mathbb{Z} \times \mathbb{Z}/2n\mathbb{Z} \text{ für } n \in \{1, 2, 3, 4\} \]

Der Rang \(r\) ist schwer zu berechnen. Ob elliptische Kurven mit beliebig großem Rang existieren, ist eine offene Frage.

4. Reduktion modulo \(p\)

Eine elliptische Kurve \(E: y^2 = x^3 + ax + b\) mit \(a, b \in \mathbb{Z}\) kann modulo einer Primzahl \(p\) reduziert werden:

\[ \tilde{E}: \quad y^2 \equiv x^3 + ax + b \pmod{p} \]

Wenn \(p \nmid \Delta\), ist \(\tilde{E}\) eine glatte Kurve über \(\mathbb{F}_p\)\(E\) hat gute Reduktion bei \(p\). Andernfalls liegt schlechte Reduktion vor.

Die \(a_p\)-Koeffizienten

Für Primzahlen \(p\) guter Reduktion:

\[ a_p = p + 1 - \#\tilde{E}(\mathbb{F}_p) \]

wobei \(\#\tilde{E}(\mathbb{F}_p)\) die Anzahl der Punkte von \(\tilde{E}\) über \(\mathbb{F}_p\) ist (inklusive \(\mathcal{O}\)).

Satz (Hasse, 1933). Es gilt \(|a_p| \leq 2\sqrt{p}\).

Die \(a_p\)-Koeffizienten kodieren das Verhalten der Kurve Primzahl für Primzahl. Sie bilden die Bausteine der \(L\)-Reihe.

Beispiel: Für \(E: y^2 = x^3 - x\) und \(p = 5\):

\(x\) \(0\) \(1\) \(2\) \(3\) \(4\)
\(x^3 - x \bmod 5\) \(0\) \(0\) \(1\) \(4\) \(0\)
\(y^2 \equiv \ldots\)? \(y = 0\) \(y = 0\) \(y = \pm 1\) \(y = \pm 2\) \(y = 0\)

Das ergibt \(8\) affine Punkte plus \(\mathcal{O}\), also \(\#\tilde{E}(\mathbb{F}_5) = 9\) und \(a_5 = 5 + 1 - 9 = -3\).

5. Die \(L\)-Reihe einer elliptischen Kurve

Die \(a_p\)-Koeffizienten werden in einer analytischen Funktion gebündelt – der \(L\)-Reihe (Hasse-Weil):

\[ L(E, s) = \prod_{p \text{ gut}} \frac{1}{1 - a_p p^{-s} + p^{1-2s}} \cdot \prod_{p \text{ schlecht}} (\text{lokaler Faktor}) \]

Diese \(L\)-Reihe konvergiert für \(\text{Re}(s) > 3/2\) und kodiert die gesamte arithmetische Information der Kurve.

Die BSD-Vermutung (Birch und Swinnerton-Dyer, eines der Millennium-Probleme): Der Rang von \(E(\mathbb{Q})\) ist gleich der Ordnung der Nullstelle von \(L(E, s)\) bei \(s = 1\).

Die Verbindung zu Modulformen

Die zentrale Frage: Ist die \(L\)-Reihe \(L(E, s)\) gleich der \(L\)-Reihe einer Modulform \(f\)?

\[ L(E, s) \stackrel{?}{=} L(f, s) = \sum_{n=1}^{\infty} a_n n^{-s} \]

Wenn ja, heißt \(E\) modular. Die Taniyama-Shimura-Vermutung (jetzt Theorem) besagt: Jede elliptische Kurve über \(\mathbb{Q}\) ist modular. Dieser Satz – genauer: der semistabile Fall, bewiesen von Wiles – impliziert Fermats letzten Satz.

6. Torsionspunkte und Galois-Darstellungen

Für eine Primzahl \(\ell\) sind die \(\ell\)-Teilungspunkte die Punkte \(P \in E(\overline{\mathbb{Q}})\) mit \(\ell P = \mathcal{O}\):

\[ E[\ell] = \{P \in E(\overline{\mathbb{Q}}) \mid \ell P = \mathcal{O}\} \]

Es gilt \(E[\ell] \cong (\mathbb{Z}/\ell\mathbb{Z})^2\) – ein zweidimensionaler Vektorraum über \(\mathbb{F}_\ell\).

Die absolute Galois-Gruppe \(G_{\mathbb{Q}}\) wirkt auf \(E[\ell]\) durch Permutation der Koordinaten. Dies definiert eine Galois-Darstellung:

\[ \bar{\rho}_{E,\ell}: G_{\mathbb{Q}} \to \text{Aut}(E[\ell]) \cong \text{GL}_2(\mathbb{F}_\ell) \]

Für die \(\ell\)-adischen Tate-Moduln (den projektiven Limes über alle \(\ell^n\)-Teilungspunkte) ergibt sich eine \(\ell\)-adische Darstellung:

\[ \rho_{E,\ell}: G_{\mathbb{Q}} \to \text{GL}_2(\mathbb{Z}_\ell) \hookrightarrow \text{GL}_2(\mathbb{Q}_\ell) \]

Diese Darstellungen bilden das Bindeglied zwischen elliptischen Kurven und der Galois-Theorie – das zentrale Objekt in Wiles' Beweis.

7. Elliptische Kurven in der Kryptographie

Elliptische Kurven über endlichen Körpern \(\mathbb{F}_p\) bilden die Grundlage moderner kryptographischer Verfahren (ECC – Elliptic Curve Cryptography).

Die Sicherheit beruht auf dem diskreten Logarithmusproblem: Gegeben \(P\) und \(Q = nP\) auf \(E(\mathbb{F}_p)\), ist es rechnerisch extrem schwierig, \(n\) zu bestimmen – obwohl die Berechnung von \(nP\) aus \(n\) und \(P\) effizient möglich ist (durch wiederholtes Verdoppeln und Addieren).

ECC bietet dasselbe Sicherheitsniveau wie RSA, aber mit kürzeren Schlüsseln:

Sicherheitsniveau RSA-Schlüssel ECC-Schlüssel
128 Bit 3072 Bit 256 Bit
256 Bit 15360 Bit 512 Bit

8. Ausblick: Modularität

Dieser Artikel hat elliptische Kurven als eigenständige algebraische Objekte vorgestellt. Ihre Verbindung zu Modulformen ist Thema des nächsten Werkzeug-Artikels.

Die Kette der Verbindungen:

\[ \text{Elliptische Kurve } E \xrightarrow{a_p} \text{$L$-Reihe } L(E,s) \xleftarrow{?} L(f,s) \xleftarrow{a_n} \text{Modulform } f \]

Die Taniyama-Shimura-Vermutung behauptet, dass der mittlere Pfeil immer existiert – dass jede elliptische Kurve ein Gegenstück im Raum der Modulformen hat. Wiles' Beweis dieser Vermutung (für semistabile Kurven) ist der Schlüssel zu Fermats letztem Satz.


Quellen

  • Nigel Boston: The Proof of Fermat's Last Theorem (2003), Kapitel 6
  • Joseph Silverman: The Arithmetic of Elliptic Curves, Springer (1986)
  • Joseph Silverman, John Tate: Rational Points on Elliptic Curves, Springer (1992)
  • Andrew Wiles: Modular elliptic curves and Fermat's Last Theorem, Annals of Mathematics 141 (1995), §1