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Mannigfaltigkeiten

Zusammenfassung

Eine Mannigfaltigkeit ist ein Raum, der lokal wie ein euklidischer Raum \(\mathbb{R}^n\) aussieht, global aber kompliziert sein kann. Der Begriff ist die richtige Verallgemeinerung von „Kurve" und „Fläche" in beliebige Dimensionen und das Objekt, über das die Poincaré-Vermutung spricht.

1. Lokal euklidisch – die Grundidee

Eine Kreislinie sieht im Kleinen wie ein Stück Gerade aus, eine Kugelfläche im Kleinen wie ein Stück Ebene. Diese lokale Übereinstimmung mit dem euklidischen Raum macht solche Objekte handhabbar: Im Kleinen darf man wie in \(\mathbb{R}^n\) rechnen, im Großen liefert die Topologie das Verhalten.

Die formale Fassung:

Ein Hausdorffraum \(M\) heißt \(n\)-dimensionale topologische Mannigfaltigkeit, wenn jeder Punkt \(p \in M\) eine offene Umgebung \(U\) besitzt, die zu einer offenen Teilmenge des \(\mathbb{R}^n\) homöomorph ist.

Eine solche Homöomorphie \(\varphi \colon U \to \varphi(U) \subseteq \mathbb{R}^n\) heißt Karte, eine Familie von Karten, die ganz \(M\) überdeckt, ein Atlas. Der Begriff der Karte und des Atlas stammt direkt aus der Kartographie: Die Erdoberfläche – eine 2-Mannigfaltigkeit – wird durch endlich viele flache Karten beschrieben.

„A manifold is a topological space that locally looks like Euclidean space." — John M. Lee, Introduction to Smooth Manifolds (2013), S. 1

2. Beispiele in niedrigen Dimensionen

Dimension 1. Die einzigen zusammenhängenden geschlossenen 1-Mannigfaltigkeiten ohne Rand sind die Kreislinie \(S^1\) und die Gerade \(\mathbb{R}\). Andere Beispiele: das offene und das halboffene Intervall.

Dimension 2. Geschlossene Flächen sind durch zwei Daten klassifiziert: das Geschlecht \(g\) (Anzahl der Henkel) und die Orientierbarkeit. Die orientierbaren Vertreter sind die Sphäre \(S^2\) (\(g = 0\)), der Torus \(T^2 = S^1 \times S^1\) (\(g = 1\)), die Doppeltorus-Fläche (\(g = 2\)), und so fort. Nichtorientierbar sind die projektive Ebene \(\mathbb{RP}^2\) und die Kleinsche Flasche.

Dimension 3. Die Klassifikation ist hier ungleich schwieriger und das Thema der Geometrisierungs-Vermutung (siehe Artikel 05). Die einfachsten Beispiele: die 3-Sphäre \(S^3\), der 3-Torus \(T^3 = S^1 \times S^1 \times S^1\), und \(S^2 \times S^1\).

3. Geschlossen, offen, mit Rand

Drei Adjektive treten in jeder Diskussion über Mannigfaltigkeiten auf:

Geschlossen. Eine Mannigfaltigkeit heißt geschlossen, wenn sie kompakt ist und keinen Rand besitzt. Sphäre, Torus und projektive Ebene sind geschlossen, die offene Ebene \(\mathbb{R}^2\) ist es nicht. Wichtig: Im topologischen Sprachgebrauch ist „geschlossen" nicht das Gegenteil von „offen" wie bei Teilmengen.

Offen. Im Kontext von Mannigfaltigkeiten meint offen meist „nicht-kompakt und ohne Rand" – etwa \(\mathbb{R}^n\) oder eine offene Halbebene.

Mit Rand. Eine \(n\)-Mannigfaltigkeit mit Rand erlaubt zusätzlich Karten, deren Bild im abgeschlossenen Halbraum \(\{x \in \mathbb{R}^n : x_n \geq 0\}\) liegt. Der Rand \(\partial M\) ist selbst eine geschlossene \((n-1)\)-Mannigfaltigkeit. Beispiel: Die abgeschlossene Vollkugel \(D^3\) ist eine 3-Mannigfaltigkeit mit Rand \(\partial D^3 = S^2\).

Die Poincaré-Vermutung handelt von geschlossenen 3-Mannigfaltigkeiten.

4. Glatte Mannigfaltigkeiten

Auf einer topologischen Mannigfaltigkeit lassen sich Begriffe wie „Stetigkeit" und „Homöomorphie" definieren, aber noch keine Differentiation. Dafür braucht man eine zusätzliche Struktur:

Ein Atlas heißt glatt (\(C^\infty\)), wenn alle Kartenwechsel \(\varphi_j \circ \varphi_i^{-1}\) – Homöomorphismen zwischen offenen Teilmengen des \(\mathbb{R}^n\) – unendlich oft differenzierbar sind. Eine glatte Mannigfaltigkeit ist eine topologische Mannigfaltigkeit zusammen mit einer maximalen glatten Atlasstruktur.

Auf einer glatten Mannigfaltigkeit kann man von glatten Funktionen \(f \colon M \to \mathbb{R}\), glatten Abbildungen \(M \to N\) und Diffeomorphismen sprechen – Homöomorphismen, deren Umkehrung ebenfalls glatt ist. Diffeomorphie ist die natürliche Äquivalenz für glatte Mannigfaltigkeiten.

Das Verhältnis von topologischer und glatter Klassifikation ist subtil:

  • In Dimension \(\leq 3\) besitzt jede topologische Mannigfaltigkeit eine eindeutige glatte Struktur (Moise 1952).
  • In Dimension 4 existieren \(\mathbb{R}^4\)-Versionen, die homöomorph, aber nicht diffeomorph zum Standard-\(\mathbb{R}^4\) sind – eine Entdeckung von Donaldson (1983) und Freedman.
  • In Dimension 7 fand Milnor (1956) sieben paarweise nicht-diffeomorphe glatte Strukturen auf der topologischen 7-Sphäre – die berühmten exotischen Sphären.

Für die Poincaré-Vermutung in Dimension 3 spielt diese Unterscheidung keine Rolle: topologisch und glatt fallen zusammen. Der Beweis von Perelman arbeitet dennoch glatt, weil der Ricci-Fluss eine Differentialgleichung für glatte Riemannsche Metriken ist.

5. Riemannsche Mannigfaltigkeiten

Auf einer glatten Mannigfaltigkeit lässt sich differenzieren, aber noch nicht messen. Eine Riemannsche Metrik \(g\) ordnet jedem Punkt \(p \in M\) ein Skalarprodukt \(g_p\) auf dem Tangentialraum \(T_pM\) zu, das glatt von \(p\) abhängt. Damit lassen sich Längen von Kurven, Winkel, Volumina und – als Krümmungstensor – die lokale Geometrie definieren.

Eine Riemannsche Mannigfaltigkeit \((M, g)\) ist die zentrale Bühne von Akt 2 der Poincaré-Storyline: Hamiltons Ricci-Fluss \(\partial_t g_{ij} = -2 R_{ij}\) ist eine Evolutionsgleichung gerade für solche Metriken (siehe Akt 2).

Wichtig für das Verständnis der Vermutung: Welche Riemannsche Metrik man auf einer Mannigfaltigkeit wählt, ist topologisch unerheblich – die Vermutung ist eine Aussage über die Mannigfaltigkeit, nicht über die Metrik. Im Beweis aber wird gezielt eine Metrik gewählt, ihre Evolution unter dem Ricci-Fluss kontrolliert und am Ende eine topologische Schlussfolgerung gezogen.

6. Beispiele für die Storyline

Drei Mannigfaltigkeiten tauchen in der Poincaré-Diskussion immer wieder auf:

Die 3-Sphäre \(S^3\). Definierbar als \(\{x \in \mathbb{R}^4 : \|x\| = 1\}\) oder, dual dazu, als Einpunkt-Kompaktifizierung von \(\mathbb{R}^3\). Sie ist die einzige geschlossene, einfach zusammenhängende 3-Mannigfaltigkeit – das ist gerade die Aussage der Poincaré-Vermutung.

Der 3-Torus \(T^3\). Das Produkt \(S^1 \times S^1 \times S^1\), anschaulich ein Würfel mit gegenüberliegenden Flächen verklebt. Geschlossen, aber nicht einfach zusammenhängend; seine Fundamentalgruppe ist \(\mathbb{Z}^3\).

Linsenräume \(L(p,q)\). Quotienten der 3-Sphäre \(S^3\) unter freier Wirkung einer endlichen zyklischen Gruppe \(\mathbb{Z}/p\). Sie liefern Beispiele geschlossener 3-Mannigfaltigkeiten mit endlicher Fundamentalgruppe – topologisch nicht-trivial, im Sinne der Vermutung „nicht einfach zusammenhängend".

7. Ausblick

Im nächsten Artikel werden die Begriffe Schleife, Homotopie und Fundamentalgruppe eingeführt und die \(n\)-dimensionale Sphäre \(S^n\) genauer untersucht. Erst damit lässt sich präzise sagen, was einfach zusammenhängend heißt und warum diese Eigenschaft die 3-Sphäre unter allen geschlossenen 3-Mannigfaltigkeiten auszeichnet.

Artikel Thema
03 – Die Sphäre und einfacher Zusammenhang \(S^n\), Fundamentalgruppe, Homotopie
04 – Was ist die Poincaré-Vermutung? Originalformulierung 1904

Vorwissen

Tangentialräume, Tensoren und Krümmung werden im Vorwissen, Block „Geometrie und Analysis (Aufbau)", anschaulich vorbereitet. Für die Lektüre dieses Artikels reicht die Vorstellung „lokal wie \(\mathbb{R}^n\)".


Quellen

  • John M. Lee: Introduction to Topological Manifolds, 2. Auflage, Springer (2011)
  • John M. Lee: Introduction to Smooth Manifolds, 2. Auflage, Springer (2013)
  • John Milnor: On manifolds homeomorphic to the 7-sphere, Annals of Mathematics 64 (1956), 399–405
  • Edwin E. Moise: Affine structures in 3-manifolds. V. The triangulation theorem and Hauptvermutung, Annals of Mathematics 56 (1952), 96–114